Klarheit und Ausdrucksvielfalt
NWZ 16.11.10
Göppingen. "Beim Kulturkreis sorgte das Menuhin Festival Piano Quartet bereits dreimal für musikalische Sternstunden." So annoncierten - im Rückblick wie in Voraussicht - die Göppinger den vierten Auftritt des Ensembles.
Der prophetische Unterton der Ankündigung gewann am Dienstagabend in der Stadthalle die konzertante Oberstimme, denn das Konzert fügte sich, nach dessen hervorragender Qualität zu urteilen, nahtlos in die Reihe der vorangegangenen Gastspiele des Quartetts ein und hielt dennoch die eine oder andere Überraschung bereit.
Man muss schon über ganz besondere Qualitäten verfügen und sich derer gewiss sein, um zwischen Werke von Mozart und Brahms das Klavierquartett eines Komponisten zu fügen, dessen Namen hierzulande nur wenigen Musikfreunden vielleicht lexikalisch erinnerlich, dessen Musik jedoch kaum einem bekannt ist, und so eine teilweise Ehrenrettung eines nahezu vergessenen Tonsetzers (eines Brahms-Schülers gar!) zu unternehmen. Der Versuch an dem völlig der spätromantischen Klangwelt verpflichteten, nur ganz selten ein Blinzeln in eine anders geartete Zukunft wagenden Werk scheint, nach dem Beifall eines hörbar beeindruckten Publikums zu schließen, geglückt zu sein. Die Art und Weise, mit der Friedemann Rieger (Klavier); Nora Chastain (Violine), Silvia Simionescu (Viola) und Troels Svane (Violoncello) Kahns in h-Moll verfasstes Opus in Ausdruck und Form, in Harmonik und Melodik, in vielfacher Emotionalität und deren Gestaltung attackierten, war denn auch höchst eindrucksvoll in der Unbedingtheit der Darstellung, die sich nicht mit das Risiko wägender Vorsicht, sondern mit alles wagendem Engagement der Komposition annahm. Dabei scheute das Ensemble das Sentiment nicht, sondern malte dieses in kräftigen Farben, ohne sich in Gefühligkeiten zu verlieren: Die Wiedergabe war, auch dank der instrumentalen Präsenz und spielerischen Präzision, von bestechender Klarheit und Ausdruckskraft.
Und wie bei Kahn hatte das Menuhin Festival Piano Quartet zuvor schon bei Mozarts g-Moll-Quartett, KV 478, mit nachgerade traumwandlerischer Sicherheit auf Anhieb den "richtigen Ton" getroffen, indem es die nachdenkliche Physiognomie des Werks, bald mit festen, bald mit feinen Strichen aufs Deutlichste nachzeichnete, durch die Leichtfüßigkeit des Spiels dennoch jede Schwermut bannte und so den Charakter einer über sich selbst nachsinnenden Musik gewann, die in ihrer gedanklichen Klarheit jederzeit zu faszinieren wusste.
Weshalb die vier Musiker das ursprünglich vorgesehene Es-Dur-Quartett Dvoraks durch Brahms Opus 25 ersetzten, muss wohl Spekulation bleiben. Einige Vermutungen gingen dahin, dass auf den Tag genau des hiesigen Konzerttermins, an einem 16. November, das Werk mit Clara Schumann am Klavier in Hamburg uraufgeführt wurde und Brahms sich exakt ein Jahr später an einem 16. November mit eben diesem Stück in Wien als Komponist und Pianist vorstellte. Seis drum: Wer sich auf Dvorak gefreut hatte, wurde durch die Darstellung des Brahms-Werks nicht enttäuscht. Im Gegenteil: Die sich spielerisch "blind" verstehenden, mit stupender Präzision agierenden Instrumentalisten bündelten in ihrer Interpretation nochmal all ihre gestalterischen Mittel - die in die Tiefe lotende musikalische Einsicht, den gezügelten und dennoch frei schaltenden Ausdruck, Klarheit und Deutlichkeit der intelligent geformten Diktion, koloristische Meisterschaft und temperamentvollen Duktus - zur eindrucksvollen Charakterisierung der Sätze, die in einer an instrumentaler Virtuosität kaum zu übertreffenden Darstellung des finalen Rondo alla Zingarese gipfelte.
Begeisterter Beifall, für den sich die Musiker mit dem delikat musizierten Finale aus Beethovens Opus 16 - hier ist sie wieder, diese ominöse Zahl - bedankten.
