Meisterkonzerte in Göppingen
Calmus Ensemble Leipzig
http://www.kulturkreis-goeppingen.de/calmus-ensemble-leipzig-01.html

© 2011 Meisterkonzerte in Göppingen

Calmus Ensemble Leipzig

NWZ Januar 2011

Wunderbarer Herzschmerz



Göppingen. Mit dem Calmus Ensemble Leipzig begeisterten am vergangenen Freitag einmal mehr mit dem ECHO-Klassik-Preis ausgezeichnete Musiker in der Göppinger Stadthalle die hiesigen Musikfreunde.

Der lang anhaltende, mit Bravo-Rufen gewürzte Schlussapplaus hatte seine berechtigten Gründe: Vom ersten bis zum letzten (zugegebenen) Takt demonstrierten die fünf Sänger (die Sopranistin eingeschlossen) eindrucksvoll, weshalb das Ensemble mittlerweile zu einem der besten dieses Genres auf den internationalen Konzert-Podien gerechnet wird: Bei den Leipziger Musikern ist A-cappella-Gesang nicht allein vokale Schöntönerei - dies freilich auch -, sondern darüber hinaus von Textinhalten dramatisch bewegte und somit die Nähe zur Oper nicht scheuende Interpretationskunst, die denn auch in ihrem "Genies und die unglückliche Liebe" betitelten Programm wohldurchdacht und dramaturgisch schlüssig den "unerhört schönen Herzschmerz" diverser Komponisten tönende Gestalt annehmen ließ. Auf nachgerade hinreißende Art und Weise formten die Sänger, stilgewandt sich in der Musik vom 16. bis zum 20. Jahrhundert bewegend und einfühlsam die ihr jeweils zugrundeliegenden Texte musikalisch ausleuchtend, die einzelnen Stücke zu bald anrührenden, bald belustigenden Szenen, die sie in erläuternden Anmerkungen mit ironisierenden Akzenten versahen.

Vor allem aber bewies das Ensemble mit seinen Interpretationen, dass a cappella verfasstes Liedgut, sei es madrigaler oder "modern" nachempfundener Art, nicht allein vom schön modellierten Ton oder von der stimmlich einwandfreien Korrespondenz (über beides verfügt das Calmus Ensemble in stupender Weise) seine Faszination bezieht, sondern auch aus der den Kompositionen innewohnenden Dramatik, die etwa die Werke eines Gesualdo auszeichnet (dessen "Moro, lasso, al mio duolo" ließ in seiner bis dato unerhörten Expressivität die Italienischen Madrigale eines Heinrich Schütz und selbst das "Lamento dArianna" Claudio Monteverdis fast zu gefällig gearbeitetem Kunsthandwerk schrumpfen). Deren unterschiedliche Gefühlswelten und Stimmungsschwankungen, die oft in überraschender Unmittelbarkeit aufeinander folgen, vermochte die Leipziger Formation, die über den einhellig ausgewogenen Zusammenklang, der in weitgespannten dynamischen Bögen zu klangzauberischen Effekten befähigt, noch das unverwechselbare Profil der einzelnen Stimmen setzt, in immer aufs Neue begeisternder Weise zu formen, ob mit geradezu streichelnden Tönen in Brittens Gesang auf die Nachtkerze (aus "Five Flower Songs" op. 47) oder mit dissonanter Eindringlichkeit in Gesualdos Madrigalen, ob mit zarter Melancholie in Francis Poulencs "Cest la petit fill du prince" (aus "Huit chansons francaises") oder mit zupackendem darstellerischen Humor und stimmlichem Witz in Brittens "Ballad of Green Broom": Stets war, bei aller gesanglichen Virtuosität, mit der die Sänger ihre Wiedergaben wie selbstverständlich ausstatteten, eine nie ins Ungefähre driftende, sondern auf das So-und- nicht-anders zielende Genauigkeit der jeweiligen Stimmung als unabdingbare Voraussetzung der Interpretation gegeben bis hin zu den verabschiedenden Zugaben.

Die höchst animierten Zuhörer entließen die Leipziger Sänger, wie gesagt, erst nach lang anhaltendem, überaus herzlichem Beifall.