Meisterkonzerte in Göppingen
Brüsseler Philharmonie
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© 2011 Meisterkonzerte in Göppingen

Brüsseler Philharmonie

NWZ Juni 2011

Göppingen. Eine ohnehin schon beeindruckende Konzertsaison versah zu guter Letzt das Gastspiel der Brüsseler Philharmonie, als genüge das Vorangegangene noch nicht, mit einem ganz großen Ausrufezeichen.

Nicht nur, dass sich in der Stadthalle das hierzulande weitgehend unbekannte Orchester als ein (auch in der erforderlichen voluminösen Besetzung) Instrumentalensemble von besonderem Rang und staunenswerter Qualität entdeckte, bei dem unter dem nicht nur souveränen, sondern auch klug Regie führenden Dirigat Michel Tabachniks die spielerische Präzision auf der Grundlage höchster Orchesterdisziplin einherging mit einer bemerkenswerten Klangsensualität, die selbst bei den von den Partituren evozierten akustischen Explosionen Bestand hatte - auch die auf dem Programm stehenden konzertanten Schlachtrösser wusste es mit diesen Qualitäten so nachdrücklich auszustatten, dass den Hörer fast überwältigende, sicher aber überzeugende Interpretationen entstanden zum einen von Rachmaninows Klavierkonzert Nr. 2 in c-Moll op. 18, zum andern von Richard Strauss Tondichtung "Ein Heldenleben" op. 40.

Von Rachmaninow geht die Rede, dass er schöne, "gefährlich schöne" Musik geschrieben hat: Das zeigte einmal mehr auch das nach einer depressiven Lebensphase des Komponisten (dessen 1. Klavierkonzert und 1.. Symphonie waren eklatante Misserfolge) entstandene c-Moll-Konzert, das auf etwas fragwürdige Weise den Weltruhm des Tonsetzers begründen sollte - einige Zeit später bemächtigte sich Hollywood eben dieser Komposition in den Filmen "Menschen im Hotel" oder "Das verflixte siebte Jahr", von anderen unterschwelligen Einflüssen auf die Filmmusik ganz zu schweigen. Der dort und andernorts stattgehabten Misshandlung durch eine weitgehende Sentimentalisierung suchte das Brüsseler Orchester heilsam entgegenzuwirken durch markig gezeichnete, selbst den instrumentalen Pomp einschließende Konturen und ein glänzend aufbereitetes, in starken Kontrasten sich gefallendes Farbenspiel.

Dieser Interpretationsweisen bediente sich auch die in Moskau geborene Pianistin Lilya Zilberstein, über die Jahre hin besonders geschätzt als feinsinnige Kammermusikerin beim von Martha Argerich initiierten Lugano Festival. Hier nun konturierte sie schnörkellos mit fester Hand und dennoch mit feinsten Klangnuancen, mit viel "russischer Seele" und pianistischer Brillanz Rachmaninows Musik äußerst einfühlsam und spielte auch tapfer gegen die romantisch recht bewegte, bisweilen urgewaltig aufschäumende Kraftmeierei des auf seine Weise mitgestaltenden Orchesters an, so dass sich ein vielfarbiges, in kräftigem Kolorit gehaltenes und dennoch klar gezeichnetes Bild der Musik fügte, dessen suggestive instrumentale Pracht von einem enthusiasmierten Publikum nachgerade bejubelt wurde.

Kaum geringere Zustimmung fand am Ende Richard Strauss großformatige, in den unterschiedlichsten Orchesterfarben gleißende Tondichtung "Ein Heldenleben", über die sich der Komponist gegenüber den französischen Schriftsteller Romain Rolland mit etwas unbescheidener Ironie so geäußert hatte: "Ich sehe nicht, warum ich nicht eine Symphonie über mich selbst komponieren sollte, ich finde mich ebenso interessant wie Napoleon oder Alexander." Und so erzählte er in seinem Werk auch immer wieder von sich selbst: in der "Sinfonia domestica, in der Oper "Intermezzo" oder eben im "Heldenleben", das ihm zur höchst komplexen symphonischen Dichtung geriet.

Deren vielfach verschlungene in all dem instrumentalen Aufwand, der sich immer wieder zu zwar schönem, aber auch lauthalsen Orchesterbombast verdichtet, hör- und nachvollziehbar zu machen, ohne die Aufmerksamkeit vom klanglichen Raffinement zu wenden, ließ sich Michel Tabachnik besonders angelegen sein.

Mit staunenswerter dirigentischer Souveränität führte er seine glänzend aufgelegten und entsprechend agierenden Musiker durch diese kompositorische Selbstfeier mit ihren Ausflügen ins Familiäre (Strauss-Gattin Pauline de Ahna ist mit einem vom Konzertmeister des Orchesters bravourös exekutierten, ausführlichen, aber wenig inspirierten Geigensolo bedacht), mit ihren Reminiszenzen an vorangegangenen Werke (Don Juan, Also sprach Zarathustra, Till Eulenspiegel, Tod und Verklärung) oder ihren Animositäten gegen die Kritiker bis hinzu "Des Helden Weltflucht und Vollendung" in einer ebenso großrahmigen wie detailverliebten Darstellung, die ein bedeutendes interpretatorisches Format hatte. Entsprechend rauschender Beifall.