Mit einem unbeirrbaren Gestaltungswillen
NWZ April 2011
Göppingen. Mit einem höchst eindrucksvollen Konzert spielte sich das junge tschechische Bennewitz Quartet, hierzulande bislang noch (!) weitgehend unbekannt, in das Gedächtnis der hiesigen Musikfreunde.
Dass der Eindruck, den das Bennewitz Quartet in der Stadthalle Göppingen machte, recht nachhaltig sein wird, darauf möchte man fast Wetten abschließen. Denn die Art und Weise der Interpretationen von Werken Mozarts, Beethovens und Hugo Wolfs, in ihrer Klarheit und Schönheit, ihrer Durchdachtheit und Intensität fast überwältigend, auf jeden Fall aber rundum überzeugend zu nennen, weisen den vier jungen Musikern für die nächsten Jahr gewiss einen der vorderen Plätze in der Elite internationaler Streichquartett-Formationen zu, bewahren sie auch nur annähernd das am Dienstag aufgezeigte spielerische und gestalterische Niveau.
Dessen besondere Qualitäten stellte das Ensemble ohne Umschweife bereits in Mozarts an den Anfang des Konzerts gestellten C-Dur-Quartett KV 465 vor und aus: die Reinheit der Intonation, die Durchsichtigkeit der genau konturierten Verläufe, die Bestimmtheit des interpretatorischen Zugriffs, den von brillanten instrumentalen Fertigkeiten getragenen und getriebenen Elan, vor allem aber den nie vom eingeschlagenen Weg abirrende Gestaltungswillen. Letzterer schloss jede Gefühligkeit aus zugunsten einer selbstbewussten gestalterischen Intensität, die auch "Äußerlichkeiten" wie kraftvolle Kontrastierungen (das dissonante Adagio, von dem das Stück seinen Namen führt, im Gegensatz zum wohllautend beschwingten Allegro, das anschließend sich wunderbar schlicht aussingende Andante zum fast tändelnden Beginn des Menuetts) und eigenwillige Akzente wie bisweilen harsche Tonformungen nicht ausschließt, sondern all dies zusammenführt in einer farbig tönenden, die unterschiedlichsten Stimmungen in differenzierteste Klänge fassenden Wiedergabe.Wie solche Atmosphären - in diesem Fall heiter-gelöste - ad hoc, beinahe aus dem Handgelenk, zu "zaubern" sind, bewiesen die vier Musiker mit sich selbst sicherer musikalischer Intuition und instrumentaler Bravour in ihrer Darstellung von Hugo Wolfs Italienischer Serenade für Streichquartett, die von den jungen Tschechen dazuhin mit blitzblankem spielerischem Humor ausgestattet wurde, der Wolfs kompositorische Meisterschaft auch auf dem Gebiet der Kammermusik zurück ins Gedächtnis der Zuhörer rief.
Solchen Erinnerns bedurfte das letzte und in vielerlei Hinsicht auch schwerste Stück des Abends nicht: Beethovens cis-Moll-Quartett op. 131, das viele für des Komponisten größtes halten in seiner Disparatheit des Ausdrucks und seiner nachgerade revolutionär zu nennenden Form. Wie nun die jungen Instrumentalisten diese bald auseinanderstrebende, sich selbst in kleinste Partikel zerlegende, bald sich in seltsamer Einheit wiederfindende Musik bewältigten und gleichzeitig zu einem aus unzähligen Nuancen sich fügenden Ganzen formten, das war schlicht zum Staunen. Die Darstellung fand in jedem Augenblick den Mut zu bedingungsloser Expressivität und gleichzeitig die Kraft, jene wieder in zu Intensität sublimierter Emotionalität zu lösen, ohne dabei die intellektuelle Kontrolle über das musikalisch-interpretatorische Geschehen zu verlieren. Großer Beifall und als Zugabe die Cavatina aus Beethovens Streichquartett B-Dur op. 130, ohne alles Prätentiöse mit überwältigender Einfachheit vorgeführt.
