Spiel der Farben und Formen
NWZ März 2011
Göppingen. Dass auch in der oft geschmähten, viel belächelten Provinz eine Musikkultur von Bedeutung gedeiht, bewies am Donnerstag in der Stadthalle das in Bad Brückenau beheimatete Bayerische Kammerorchester.
Angereist war das Ensemble mit einem von der Schauspielerin Barbara Stoll nicht immer textsicher moderierten Programm, das neben kammermusikalischen Highlights auch vergessene oder weitgehend unbekannte Kompositionen versammelte. Dazu gehörte gleich zu Beginn die ursprünglich für Streichtrio verfasste, 1990 vom russischen Violinvirtuosen Dmitri Sitkovetsky für Streichorchester umgeformte Serenade op. 10 Ernst von Dohnányis, der am Ende sich selbst und seinen frühen Ruhm als international erfolgreicher Tonsetzer und Pianist überlebt hatte.
So bot denn auch das genannte Eingangsstück musikalisch kaum Überraschendes oder gar Aufsehenerregendes: Handwerklich gekonnt bewegte es sich, wenn auch dann und wann ein wenig eigenwillig, in den etwas ausgefahrenen Gleisen einer an Brahms sich orientierenden spätromantischen Tonsprache, die freilich so recht geeignet war, die Vorzüge des Orchesters ins rechte Licht zu rücken: musikalische Präsenz, stilistische Sicherheit, hohe instrumentale Spielkultur, ein ausgewogenes, durch vielfältige dynamische Abschattierungen an Farbe und Intensität gewinnendes Klangbild, das den satten, warm timbrierten Ton ebenso kannte wie den fein ziselierten, zart gesponnenen - Vorzüge, die sich umso gewichtiger darstellten, als das Ensemble nicht von einem omnipräsenten Dirigenten angeleitet wurde, sondern von seiner Konzertmeisterin Ingrid Friedrich, die, nachdem sie wohl beste Einstudierungsarbeit geleistet hatte, vom ersten Geigenpult aus fast unmerklich, doch im selbstverständlichen Einklang mit ihren instrumentalen Mitstreitern höchst nachdrücklich agierte.
Die Wertschätzung dieser auch von anderen namhaften Musikern entdeckten Orchesterqualitäten verdeutlichte auch die Tatsache, dass es dem Ensemble gelungen war, für seine in dieser Saison anstehenden Konzerte als Solisten keinenen Geringeren als den international renommierten Hornisten Radovan Vlatkovic zu gewinnen, der denn auch in Mozarts Es-Dur-Konzert KV 417 mit wohlgerundetem Ton und spielerischer Leichtigkeit brillierte, ohne das genau und aufmerksam begleitende Orchester, dem man gern eine bedeutendere Eigenprofilierung zugestanden hätte, allzu sehr zu dominieren. Partnerschaftliches Musizieren war hier ebenso angesagt wie bei der Ausgestaltung von Mátyás Seibers Notturno für Horn und Streichorchester, einem "neoromantischen", sich gleichfalls an Brahms anlehnenden, mit gemäßigten Modernismen akzentuierten Stück, dessen musikalische Beiläufigkeit vom Solisten wie vom Orchester engagiert überspielt wurde.
Was das kammermusikalisch klein besetzte Ensemble orchestral zu leisten fähig ist, zeigte es in der Wiedergabe der das Konzert beschließenden Symphonie Nr. 31 ("mit dem Hornsignal") in D-Dur, Hob I:31, von Joseph Haydn. Deren Darstellung geriet trotz der Dominanz der Hörner (geblasen von einem ganz famos agierenden Quartett) nie aus seiner klanglichen Balance, sondern räumte immer, wenn sich die Gelegenheit bot, anderen Instrumentalisten die Möglichkeit ein, ihr großes spielerisches Können vorzuführen im Rahmen einer stilistisch wohldurchdachten, durch Verdeutlichung der Strukturen überzeugenden Interpretation, die vom Publikum zurecht mit großem Beifall aufgenommen wurde.
